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Latein
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Pro und Contra: Latein? Nein danke!

NZZ am Sonntag
30.04.2006

Die besten Gründe für eine Abkehr von toten Sprachen liefern deren Lehrer selber

Alte Sprachen seien wieder im Kommen, wird aus Deutschland gemeldet, wo Latein nach Englisch und Französisch zur drittstärksten Fremdsprache an den Schulen aufgestiegen ist. Schon müssen in Baden-Württemberg fachfremde Lehrer im Schnellverfahren zu Lateinlehrern ausgebildet werden.

O wunderbare Auferstehung einer grossen Bildungstradition! Und schon sind auch all die Stimmen wieder da, die behaupten, dass das Lernen von toten Sprachen, in denen man nirgends auf der Welt ein Zimmer reservieren kann, für Kinder im besten Sprachlernalter erzieherisch wertvoll sei. Endlich könnten die Schüler wieder erfahren, was Disziplin bedeute, heisst es, und dass das Eindrillen von Besonderheiten der lateinischen Grammatik das Verständnis ausgerechnet für solche Sprachen schärfe, die - wie das Englische - diese Besonderheiten gar nicht kennten. Latein zu lernen, fördere die Denkfähigkeit und ein gepflegtes Deutsch. Und zudem werde man inhaltlich erzogen. Quasi nebenbei bekomme man nämlich die Weltsicht der Antike und wichtige Grundsätze der Lebensführung mit.

Dabei kann ein Blick in die eigenen Schulhefte jeden Lateinschüler eines Besseren belehren. Denn die zeigen schön, dass man, was die Weltsicht der Antike angeht, über so erhebende Erkenntnisse wie die, dass der Bauer pflügt, der Sklave arbeitet und Geld niemanden reich macht, jahrelang kaum hinauskam. Ein Beweis von geschulter Denkfähigkeit war es schon, aus der lateinischen Vorlage einen Satz wie "Die erwarteten Esel eilten in die überfluteten Scheunen" oder "Die Schlacht war eine zu gewinnen müssende" herauszupräparieren. Und ein Höhepunkt an inhaltlicher Brisanz war der folgende, in der Tat welthistorisch wichtige Satz aus dem Mailänder Edikt des Kaisers Konstantin: "Es gefiel uns, dass, welche Bedingungen auch immer bezüglich der Christen aufgestellt worden sind und die von unserer Sanftheit als fremd angesehen werden, abgeschafft werden."

Gepflegtes Deutsch? Ehemalige Lateiner winden sich beim Rezitieren aus den alten Lateinheften in Lachkrämpfen. Übersetzt wurde da weniger ins Deutsche als ins Kauderwelsch. Und das mit voller Absicht. Denn erst der Sprachkrampf im Deutschen konnte dem benotenden Lehrer genügend eindrucksvoll beweisen, dass der Schüler die Konstruktion der lateinischen Sätze durchschaut hatte.

Latein war von jeher Selektionsfach, und entsprechend ehrwürdig sind die dort gepflegten pädagogischen Methoden. Selbst in Zeiten, da sich schon längst kein Deutschlehrer mehr traute, seine Schüler ein Goethegedicht auswendig lernen zu lassen, gab es in Zürich einen Lateinpädagogen, der von seinen Schülern verlangte, sich über die Ferien fast drei Dutzend unverstandene Ovid-Verse ins Gedächtnis einzupauken - die er dann erst ein halbes Jahr später, kurz vor dem nächsten Zeugnis, abzuhören geruhte. Mit schlimmen Folgen für den Notendurchschnitt der Klasse.

Der mir das erzählt hat, kann einen Teil der Verse vom "Goldenen Zeitalter" heute noch herunterrasseln. Aber er langt sich dabei jedes Mal an den Kopf. Weil in der Welt von heute - so schreibt er - dringend Leute gesucht werden, die wenigstens ein paar kleine Brocken Chinesisch können. Dass er selbst so viel Zeit mit einer toten Sprache vertan hat, hält er für einen "Riesenschwachsinn".

An den hiesigen Kantonsschulen ist der Ansturm auf den Lateinunterricht bisher offenbar ausgeblieben. Es sei "öppe wie immer", war die Auskunft, und ausserdem werde darüber keine Statistik geführt. - Sehr gut. Solange keiner propagiert, dass Latein heute unerlässlich sei, kann es ruhig weitergepflegt werden. Als eine der nobelsten Spielwiesen im Abseits. Macht nichts, wenn dort auch die Pädagogik auf der Stelle tritt. Sogar einer der Albträume, die Sprachlehrer sonst didaktisch auf Touren bringen, ist ja hier völlig bedeutungslos: In alle Ewigkeit wird unter den Schülern keiner sitzen, für den dieses Idiom die Muttersprache ist.

Gunhild Kübler, Literaturkritikerin
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