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Latein
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Pro und Contra: Das Latein lebt und kann sogar Spass machen

BAZ
25. März 2000

Oratio minor pro lingua latina - ein Einwurf gegen die These von der Nutzlosigkeit des Lateins

Habent sua fata libelli: Auch Zeitungen und Zeitungsartikel haben, wie Goethe übersetzte, ihr Erlebtes. Das «Fatum» des lateinkritischen Beitrags von Martin Ebel im Feuilleton vom vergangenen Mittwoch besteht darin, ebenso freudige Zustimmung wie heftige Opposition zu wecken. Dabei müssen die Verteidiger des Lateinunterrichts in der Schule nicht mit der Institution verbandelt sein, in der wir uns nach einem anderen lateinischen Sprichwort fürs Leben rüsten. Just unser Mitarbeiter Raphael Zehnder, der sonst über Techno, House, Funk, DJs und andere Blüten der Jugendkultur berichtet, fühlte sich zur Widerrede herausgefordert. Kein Wunder: Der Pop-Experte ist von der universitären Ausbildung her Altphilologe. Sapienti sat.

BaZ

Das einzige Schulfach, über dessen Daseinsberechtigung gestritten wird, ist Latein. Sein Nutzen ist nicht sofort ersichtlich und vor allem nicht messbar. Mit dem Latein verbinden sich oft negativ gefärbte Eindrücke, die persönlicher Natur wie auch von grundsätzlicherer Tragweite sein können.

Für einen als Bekenntnis zur Moderne verkleideten Rationalisierungswillen ist Latein ein leichtes Opfer, weil sich lediglich noch die Lateinlehrerinnen und -lehrer für ihre Sprache ins Zeug legen. Richtete sich der Lehrplan einzig nach den Gesetzen der Rentabilität, wäre Latein längst ausgestorben. «Mehr Englisch! Mehr Informatik!» ruft die Wirtschaft, und die Lehrpläne sollen dem schleunigst nachkommen. Sind Wirtschaft, Recht, Naturwissenschaften und Medizin alles, was das Leben an beruflichen und geistigen Aussichten zu bieten hat? Sind diese Disziplinen wertvoller oder nützlicher als Latein, weil damit mehr materieller Wert geschaffen wird?
Die als Argumente gegen das Latein angeführten Fächer sind bezeichnend für ein Denken, das ausschliesslich auf den beruflichen und pekuniären Nutzen ausgerichtet ist. Darin hat immer weniger Platz, was dem Laufbahn-Utilitarismus eine menschliche Komponente hinzufügen könnte. Ja, diese Komponente ist in der Lehrtradition verhaftet und ihre Anwesenheit auf den Lehrplänen durch ihre Jahrhunderte währende Rolle als Kultursprache begründet. Aber ist denn der Schnee von gestern zwingend schlecht? Ist überflüssig, was die Auszubildenden nicht darauf ausrichtet, stromlinienförmig marktgerecht ausgebildet zu werden, sondern den Geist einlädt, in eine unbekannte Welt einzutauchen, wo er sich vielleicht Anregungen holen könnte - und sei es nur die unmoderne Erkenntnis, dass man nicht alles sofort und ohne Aufwand erreichen kann? Täte man nur, was sofort ersichtlichen Nutzen bringt, gäbe es die geisteswissenschaftliche Fakultät längst nicht mehr. Ist der Begriff einer breiteren Bildung jenem der zweckgerichteten Ausbildung geopfert, jener des geistigen Horizonts hinfällig geworden? Sollen Kinder und Jugendliche nicht auch zu «toten» Sprachen hingeführt werden, so dass sie später die Möglichkeit einer Wahl haben?

Latein - ein Abenteuer

Wer etwas nicht kennt, kann es nicht als Interessenbereich in Betracht ziehen. Natürlich ist es verfehlt, die Lingua latina als die grosse Lehrmeisterin der Logik ins Feld zu führen. Auch tote Sprachen sind eben lebendig, Regeln und Ausnahmen erscheinen erst etwas kohärenter, wenn man tiefer ins Wissen um ihre Mechanismen einzudringen sucht, um mit fortschreitender Beschäftigung damit immer mehr festzustellen, wie wenig man weiss und wie viel es noch zu erfahren gibt und gäbe.
Latein ist ein Abenteuer. Logik hin oder her: Wie jedes Fach schult Latein das Denken in Strukturen, weil es, wie jedes andere, strukturiert vermittelt wird. Mathematik ist bestimmt logischer, die Naturwissenschaften auch. Aber seien wir ehrlich: Wie viel ist uns vom Biologie-, Chemie-, Physik-, Mathematikunterricht geblieben? Vor wenigen Jahren vermochten wir Differential- und Integralrechnungen zu lösen, der Energieerhaltungssatz war uns geläufig. Und jetzt? Alles weg! Dass man vergisst, was man nicht ständig übt, ist keine Besonderheit des Lateins, sondern des menschlichen Hirns.

Latein - ein Genuss

Und die Sprachen: Können wir modale und kausale Adverbialien oder die Wortarten noch auseinanderhalten? Wie steht es mit dem Unterschied von prädikativem und attributivem Adjektiv? Warum haben wir denn Deutsch gelernt? Vielleicht haben Sie dabei gelitten - oder es hat Ihnen Spass gemacht. Selten kommen jene zu Wort, die sagen: «Latein macht Spass. Grammatik ist toll.» Die gibt es nämlich, und nicht zu knapp. Die lateinische Literatur beschränkt sich nicht auf Caesar, Ovid, Cicero, Vergil und Sallust. Rund 1700 Jahre lateinischer Literatur von Polen bis Portugal, von Palmyra bis Carthago gäbe es zu entdecken: von Plautus und Ennius bis zu Renaissance und Humanismus. Wer war denn in der lateinischen Literatur schon «Römer»? Da könnte der Lehrplan ansetzen: indem er mittel- und neulateinische Texte miteinbeziehen würde: Frühchristliches, Isidor, Beda, Abaelard, Petrarca, Poggio Bracciolini. Die begreiflichen Schwierigkeiten mit der Syntax des klassischen Latein rufen geradezu danach, den Einstieg über spätere, nichtklassische und nichtklassizistische Texte zu probieren. Dafür wären mehr Lateinstunden vonnöten.
Man kann einwenden, diese Argumentation betreffe nicht die Stufe der Orientierungsschule oder des Gymnasiums. Das stimmt. Aber lernt die Dreizehnjährige Geometrie, weil sie ihr Denken schulen will? Steht ihr der Sinn nach Logik? Nein, sie kommt normalerweise den Forderungen des Lehrplans nach, interessiert sich im günstigsten Falle für das eine oder andere angebotene Fach. Objektiv spricht nichts dagegen, dass eines dieser Lieblingsfächer Latein heissen könnte. Natürlich kann man die lateinischen Texte in der Übersetzung lesen, was aber etwa dem kastrierten «Genuss» synchronisierter Filme entspricht. Geht es im Unterricht über die Vorbereitung auf einen Beruf hinaus nicht auch darum, die Neugier und Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen zu wecken, ihnen geistige Nahrung zu geben und Perspektiven und Möglichkeiten aufzuzeigen, was es denn in der Welt des Wissens überhaupt gibt?

Latein - ein Lego-Spiel

Die Etymologie der Wörter ist in der Tat oft komplizierter als gemeinhin gepredigt, auch die Grammatiken der Sprachen decken sich nicht. Doch allen Unterschieden zum Trotz gibt es zahlreiche Überschneidungen, etwa im Flexions- und im Tempus-System, in den Wortarten und in der Syntax. Weshalb kann der Schreibende Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Okzitanisch lesen und einigermassen verstehen, ohne diese Sprachen je gelernt zu haben? Man könnte den Lateinunterricht stärker mit jenem in den modernen Sprachen verbinden, sich mit den Fremdsprachen komparatistisch beschäftigen. Latein und seine relativ freie Wortstellung sind wie ein Lego-Spiel: Man versucht die Farbe der einzelnen Steine zu bestimmen, stellt ihre Reihenfolge um, bis sie zusammenpassen. Latein macht Spass. Bevor man den Sarg über dem Latein zunageln will, beherzige man, was im Basler Grossratssaal steht: «Quid quid agis, prudenter agas et respice finem». Was auch immer du tust, tu es umsichtig, und bedenke das Ende.

Von Raphael Zehnder.
XIII.VII.MMXX