HomeWas ist LateinWieso Latein lernenLatein liveDie Sprache LateinDas Leben der RömerGötter und HeldenGames und LinksShopKontaktImpressum und Sponsoren
 
Latein
XXV.II.MMXIV  
HomeWas ist LateinWieso Latein lernenLatein liveDie Sprache LateinDas Leben der RömerGötter und HeldenGames und LinksShopKontaktImpressum und Sponsoren
 
Wortgeschichten: Pass

Zwei "Pässe": Den einen nimmt man unter die Füsse, wenn es über die Berge zwischen zwei Tälern geht, den anderen nimmt man in die Hand, wenn es über die Grenze zwischen zwei Ländern geht. Die beiden sind alte Landsleute und Weggefährten, und sie passen nicht nur zueinander, sondern auch zu diesem "Passen" selbst und zu einer langen Reihe anderer "Pass"-Wörter, bis hin zu dem allerjüngsten digitalen "Passwort", das in diesem Internet-Zeitalter als ein Sesam-öffne-dich dient.

Das eine alte Passepartout, das den Zugang zu all diesen "Pass"-Wörtern erschliesst, ist das lateinische Verb pandere, "öffnen, spreizen". Der Stamm ist uns nicht fremd: Der Marketing-Manager träumt vom "Expandieren" und trainiert schon mal beziehungsreich mit dem "Expander". Zu diesem pandere gehören zwei Partizipien Perfekt Passiv, ein selteneres pansus, das sich über eine spätantike expansio, "Ausspreizung, Ausweitung", in unserer "Expansion" ausgeprägt hat, und das häufigere passus, das über das Substantiv passus mit dem Genitiv passus, "Schritt", zu unserem "Pass" geführt hat.

Dieser passus, eigentlich überhaupt "das Oeffnen, Spreizen", hat seine Bedeutung früh auf ein kräftiges "Ausschreiten" verengt. Von Anfang an erscheint das Wort in der Bedeutung "Schritt" und zugleich als ein geläufiges Längenmass. Da ist zweierlei anzumerken: Erstens, dass der Homo sapiens und so auch ein römischer Legionär auf zwei Beinen durch die Welt geht und dieser passus darum nicht als einzelner Schritt, sondern als Doppelschritt in das römische Masssystem eingegangen ist, und zweitens, dass ein solcher Doppelschritt von genau fünf römischen Fuss oder heute knapp anderthalb Meter Länge auf vergleichsweise grosse Legionärsfüsse und vergleichsweise kurze Legionärsbeine zurückschliessen lässt. Wie auch immer: in dieser doppelten Bedeutung als "Schritt" und als Längenmass hat sich das Wort im Marschtempo der römischen Legionen im ganzen Imperium Romanum ausgebreitet.

Dabei sind die "tausend (Doppel-) Schritte" von heute knapp anderthalb Kilometer Länge, im lateinischen Plural die soundsovielen milia passuum, zum geläufigen Streckenmass für grössere Entfernungen geworden. Wohl da man durchweg einfach von den milia, den "Tausendern", sprach, erscheint dieses Mass entsprechend im Deutschen über althochdeutsch mila, mittelhochdeutsch mile als "Meile", im Englischen als mile - wobei wieder anzumerken wäre, dass diese Meile sich seither auf gut 1600 Meter ausgedehnt und buchstäblich an den langbeinigen Norden "angepasst" hat.

In der frühen Neuzeit, im 15. und 16. Jahrhundert, hat der alte passus, unser "Pass", zunächst die Bedeutung eines Gebirgspasses, dann auch die eines Reisepasses angenommen. Schon im Mittelalter war aus dem lateinischen Substantiv noch das Verb passare, "vorübergehen", hervorgegangen, daraus wieder ein französisches passer und daraus wieder ein eingedeutschtes "passen" und ein fremdlautendes "passieren". Das jeweils "Passende" im Sinne des Angemessenen, Zugehörigen ist demnach eigentlich das nah "Vorüberkommende" oder auch umgekehrt das nah am Weg Gelegene. So auch beim "Passieren": Wenn ein Er oder eine Sie etwas passiert, gehen die Menschen an den Dingen vorüber; wenn dagegen, unpersönlich, "es passiert", sehen wir umgekehrt die Dinge an den Menschen, und dann manchmal mit Knalleffekt, vorübergehen. Da heisst es, auf all die verschiedenen Dinge, die da kommen, achtsam "aufzupassen" und nur ja keine Chance, zuzugreifen oder auszuweichen, achtlos zu "verpassen".

"Pass"-Wörter über "Pass"-Wörter: Da gibt es geographische und finanzielle "Engpässe", da bekommt einer einen "Laufpass" oder einen "Freipass", da gibt es "Schiffspassagen", bei denen die Passagiere die Längen- und Breitengrade passieren, und "Ladenpassagen", in denen die Passanten an den Läden vorüberflanieren, da überfliegt oder überspringt einer eine "Textpassage" oder hier sogar noch einen original lateinischen "Passus". Und fragte jetzt einer, wo jemals in aller Welt dieser alte passus eine Grenze hätte nicht passieren dürfen, so müssten wir ehrlich passen.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Ebenfalls bei Philipp von Zabern erschienen: Wie Berenike auf die Vernissage kam. 77 Wortgeschichten, 3. Auflage, Mainz 2004, Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

XXV.II.MMXIV