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Latein
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Wortgeschichten: Papa, Grosspapa und Papst

Die Wortgeschichte vom "Papst" führt am Ende wie alle Wege nach Rom; ihren Anfang nimmt sie im späten 8. Jahrhundert v. Chr. weitab bei den mythischen Phäaken, in Homers "Odyssee". Da bittet in dem zauberhaften 6. Gesang die Königstochter Nausikaa ihren Vater: "Papa, lieber, kannst du mir heute nicht den Wagen bereitmachen lassen, den hohen, gutberäderten, dass ich die herrlichen Gewänder zum Fluss fahre, zum Waschen ...?"

"Páppa phíl' ...", "Papa, lieber ..." - so heisst das im alten Griechisch, und da sind wir wirklich ganz am Anfang: "Mama" und "Papa" sind so genannte "Lall"-Wörter aus dem ersten Lebensjahr, in dem die Kinder noch nicht viel mehr als papp sagen können; zur Familie dieser "Papp"-Wörter gehören noch das dahinplätschernde "Pappeln" und "Babbeln", "Plappern" und "Brabbeln" und das doppelt gemoppelte "Papperlapapp". Stolz, wie Väter nun einmal sind, haben die griechischen Grammatiker das erste "páppa!" ihrer Söhne und Töchter als einen korrekt gebildeten Vokativ gedeutet und daraus einen entsprechenden Nominativ páp(p)as erschlossen. In der Folge hat sich zu diesem páp(p)as für den "Papa" im Griechischen noch ein páppos für den "Grosspapa" - und in der Komödie auch einmal ein pappepípappos, wörtlich ein "Grosspapa auf dem Grosspapa", für den "Ururgrosspapa" - hinzugesellt. Der entsprechende Vokativ für einen Grossvater lautete demnach "Páppe!", was einem griechischen Grossvater wie ein honigsüsses "Grosspapa!" in die Ohren fiel und ihn keineswegs an irgend etwas Pappiges denken liess.

Im klassischen Latein erscheinen die griechischen Wörter als papas beziehungsweise pappus. Interessant wird es dann wieder, als das Wort in den dunklen Jahrhunderten zwischen der Spätantike und dem Mittelalter aus der Kindersprache in die Kirchensprache aufstieg, als die Gläubigen ihren Bischof und schliesslich besonders den Bischof von Rom als ihren väterlichen papa oder auch papes ansprachen. Vielleicht hat das Nebeneinander des latinisierten propheta und des griechisch lautenden prophetes hier das Muster für den Wechsel zwischen einem latinisierten papa und einem wieder gräzisierten papes abgegeben. Wie immer: Aus diesem papes ist dann der alt- und mittelhochdeutsche bâbes hervorgegangen, dem im 13. Jahrhundert - wer weiss, woher - dann noch ein auslautendes "-t" zugeflogen ist: "Owê!", klagt Walther von der Vogelweide, "der bâbest ist ze jung!"

Die Renaissance, die "Wiedergeburt" des im Westen vergessenen Griechischen und des klassischen Ciceronischen Lateins, hat auch diesem Wort eine kleine Wiedergeburt beschert und aus dem nordländisch-barbarisch aufgeweichten bâbest oder bâbst wieder einen griechisch-lateinisch gehärteten "Papst" werden lassen. Auf einer niedrigeren Stufe der klerikalen Hierarchie war der lateinische papa schon längst zuvor zum "Pfaffen" geworden.

Von den "Papabili", den für eine Papstwahl in Frage kommenden Kardinälen, bis zu ebendieser "Papstwahl" selbst verzeichnet Dudens "Grosses Wörterbuch der deutschen Sprache" aus dem Jahre 1994 eine ganze Reihe päpstlicher Stichwörter. Eines ist seither noch hinzugekommen, und da schliesst sich der Bogen: von jenem väterlichen Pappamobil, dem "hohen, gutberäderten" mit den zwei Maultierstärken, das Nausikaa sich mit ihrem unwiderstehlichen "Páppa phil'" ausbittet, bis zu dem päpstlichen "Papamobil", von dem aus heute der Papst, fast drei Jahrtausende später, seinen väterlichen Segen austeilt.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Ebenfalls bei Philipp von Zabern erschienen: Wie Berenike auf die Vernissage kam. 77 Wortgeschichten, 3. Auflage, Mainz 2004, Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

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