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Latein
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Wortgeschichten: Homo

Homo Eins oder Homo Zwei? sapiens oder -sexuell? Der Wortgeschichtenschreiber outet sich hier als ein so aktualitätslüsterner wie altertumssüchtiger Hetero; anlässlich der neuerdings auch höchstrichterlich sanktionierten Homo-Ehe ist hier vom Zweiten die Rede: von der jungen "Homosexualität" und der noch jüngeren "Homoerotik". Beide Wörter sind fachsprachliche Neuprägungen des letzten Jahrhunderts, und beide sind Zusammensetzungen aus dem Wörterfundus der Alten Sprachen, allerdings mit einem kleinen Unterschied: In der "Homosexualität" hat sich das griechische homo-, "gleich-", mit dem lateinischen sexus, "Geschlecht", zu einem griechisch-lateinischen Hetero-Pärchen zusammengefunden, in der "Homoerotik" mit dem geflügelten, pfeilschiessenden Eros zu einem griechisch-griechischen Homo-Pärchen.

"Homo-" ist im Griechischen vieles. In dem einbändigen griechisch-englischen Lexikon von Liddell und Scott füllen die Wörter mit den Vordergliedern hom(o)- oder auch homoio- gut ein Dutzend engbedruckte Spalten. Von den Wörtern mit dem Vorderglied homo- ist vor allem das Adjektiv homogenés, "von gleicher Herkunft und Art, homogen", in den modernen Fremdwortschatz eingegangen, im Verein mit seinem Gegenstück heterogenés, "von verschiedener Herkunft und Art, heterogen". An diesen bereits Aristotelischen Gegensatz "homogen/heterogen" hat sich neuerdings der Gegensatz "homosexuell/heterosexuell" angeschlossen. Von den Wörtern mit dem Vorderglied homoio- - so nach dem Adjektiv hómoios, "gleich" - sind die zuerst bei Platon und Aristoteles belegten Zusammensetzungen homoiopathés, "gleich empfindend", und homoiopátheia, "Gleichheit der Empfindungen", in der modernen "Homöopathie" nochmals neu erfunden worden.

Um des Paradoxes willen sei hier im Vorübergehen erwähnt, dass sowohl diesem homo-, "gleich-", als auch dem entgegengesetzten hetero-, "anders-", ein und dieselbe indoeuropäische Wurzel sem, "eins, gleich", zugrundeliegt. Aber das offenbart sich einzig dem analysierenden Blick des Sprachwissenschaftlers, dessen Sprachprozessor ein solches sem nach strengen Lautgesetzen computerschnell in ein griechisches hom- oder he(m)- verwandelt. Der griechische héteros mit dem Vergleichs-Schwanzstück -teros, eigentlich der "Eine" von zweien, ist sozusagen der "Eine" verglichen mit dem Anderen oder je nachdem, wie man's sieht, auch der "Andere" verglichen mit dem Einen.

Mitten zwischen derlei homo- und homoio-Wörtern gibt sich in Dudens "Grossem Wörterbuch der deutschen Sprache" der Homo sapiens, der "vernunftbegabte Mensch", ein Stelldichein, und mit ihm der Homo faber, der mit seiner Technik die Welt verändert, und der Homo ludens, der mit seinem Spiel sich selbst zum Narren hält. Dieser Homo sapiens ist nun wieder reines Latein und hat mit jenem griechischen Homo ganz und gar nichts zu schaffen, ausser dem einen, dass die beiden im Zuge der neumodischen Kürzungslust à la Info und Doku, Demo und Memo, Immo und Agglo zu sogenannten Homonymen geworden sind, zu "gleichen Wörtern" für verschiedene Dinge. Seither verzeichnet Dudens "Grosses Wörterbuch" einen fachsprachlichen Homo Eins, "Vertreter der Gattung der eigentlichen Menschen", und einen umgangssprachlichen Homo Zwei, eben den "Homosexuellen".

Über einer Nachbarspalte schwebt da hell in seiner gläsernen Phiole leuchtend noch der "Homunculus" aus Goethes "Faust", jenes sieben natürliche Generationen vor aller künstlichen In-vitro-Zeugung literarisch generierte "Menschlein". Mit ihm schliesst sich der Kreis; denn wie jener Homunculus ein "kristallisiertes" Retortenbaby aus Faustens mittelalterlichem Bio-Laboratorium, so sind die "Homosexualität" und die "Homo-Ehe" ja synthetisierte Retortenwörter aus dem neuzeitlichen Sprachlaboratorium, und wenn der frischgebackene Doktor Wagner sich da mit Entschiedenheit gegen ein altmodisches Lebensmuster verwahrt: "Behüte Gott! Wie sonst das Zeugen Mode war, erklären wir für eitel Possen!", so passt auch das ja ganz ins Bild.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Ebenfalls bei Philipp von Zabern erschienen: Wie Berenike auf die Vernissage kam. 77 Wortgeschichten, 3. Auflage, Mainz 2004, Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

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